Uwes Lyricon
Uwes Lyricon

Alles Glück des Himmels und der Erde

 

 

 

In meiner Mansarde am offenen Fenster stehend sprach ich wie jeden Abend vor dem Zubttegehen zu Gott. Er lud mich zu sich ein. Ich traf ihn in einem Magazin. „Mein Laden;“ sagte er mit ausholender Armbewegung, während wir vorwärts gingen. In der riesigen Halle standen lauter Regale. Auf den meisten zunächst mehr oder weniger kleine Kartons, bunt mit Schleifchen und der Aufschrift „Glück“ . Manches mutete mir aber auch ziemlich uselig an. Ich muss wohl sehr irritiert geschaut haben. „Hier kriegt jeder sein Glück,“ sagte Gott. „Wir haben hier alles.“ Und er hielt mir eine Konservendose hin, die er aber als ich dankend ablehnte mit einem Bedauern ausdrückenden Schulterzucken ins Regal zurückstellte.

Wir gelangten in eine Abteilung, wo die Pakete etwas größer waren, dafür aber schlichter aussahen. Ringsum standen auch Maschinen. Es erinnerte mich von ferne an unseren Heimwerkermarkt. „Das ist meine Lieblingsabteilung,“erklärte Gott. „Aber das darf ich ja nicht sagen, sonst hält mir Petrus wieder eine Gardinenpredigt über göttliche Gerechtigkeit.“ Während er das sagte, rümpfte er die Nase. Ich war erstaunt. Wo er doch hier von allem Glück des Himmels und der Erde umgeben war. Die reine Heiligkeit macht auch nicht glücklich, schoss es mir durch den Sinn. Mein Blick fiel auf eine der größeren Packungen mit der Aufschrift: Baukasten „Das Glück zu zweit“. Gott merkte mein Interesse. „Mach sie nur auf!“ Die Kiste enthielt eine Bauanleitung, einige Bastelutensilien, Vorlagen zum Ausschneiden, alles wirkte sehr einfach, um nicht zu sagen dürftig. Daneben die Kiste mit der Aufschrift „Das Glück allein“ ließ ich ungeöffnet liegen. Atemholend setzte ich zu einer Frage an, die nun auf einmal in mir bohrte, als Gott mich unterbrach. „Ah, schau, das ist meine Lieblingskiste.“ Aufschrift in irrisierenden roséfarbenen Lettern: „Das pure Glück“. „Komme, öffne diese Kiste mal, du wirst staunen.“ Ich war im Begriff, seiner Aufforderung nachzukommen. Doch das auffallend filigran gearbeite Schloss ließ sich trotz aller Anstrengung nicht öffnen. Mir schien Gott hatte eine schelmische Freude an meinem Ungeschick. Lachend nahm er mir die Kiste aus den Händen, strich ganz sanft mit dem rechten Zeigefinger über das Schloß, das nun tatsächlich mit klackendem Geräusch aufsprang.. Er deutete mir mit pantomomischer Geste an, den Deckel anzuheben. Doch was war das? Die offene Kiste, die mehr als doppelt so groß wie die anderen ringsum war, offenbarte nichts mehr als gähnende Leere. Gott , so mein Eindruck, erheiterte die mir offensichtlich anzusehende Verblüffung ungemein. „Das ist nur was für absolute Kenner!“ sagte er in merkwürdig ironischem Tonfall, während er die Kiste wieder verschloss und sorgfältig zurückstellte.

Wir gingen nun in Richtung des hinteren Endes dieses riesigen Magazins. Hier gab's nun auch, ich hatte es schon fast erwartet, das Glück auf Flaschen gezogen. Gott runzelte die Stirn als er bemerkte: „ Dies ist bei bei unserer Kundschaft die beliebteste Abteilung. Unsere Goldtröpfchen vom Südregal sind einfach zu verführerisch.“ „Oh Herr, was besorgt es Dich denn dann?“ Ich glaube ich hatte angesichts meiner vorlauten Frage im nu einen knallroten Kopf. Doch Gott wieder ganz gelasssen und sanft: „ Mit den meisten Menschen ist es leider so: wenn sie ihr Glück ausgekostet haben, verlangt es sie nach mehr. Sie möchten ihr Glück verlängern oder wiederholen.“ Ich hätte gern gesagt, das das doch die normalste Sache der Welt sei. Doch Gott meine Gedanken erratend, kam mir zuvor:

Hier oben ist das nicht normal. Der Normalfall bei uns: Jedes Glück gibt's nur ein Mal und immer nur für eine von uns dafür bestimmte Frist.“ Die Kenntnis dieser Regel sei bei den Menschen durchaus verbreitet, jedoch hindere es sie nicht ,diese zu beklagen und schlimmstenfalls sogar zu umgehen. Weitverbreitet sei gerade bei den Flaschenchargen beispielsweise die Praxis, die gewünschte Substanz einfach bei anderen zu stehlen. Oder gar zu erpressen.Zudem gäbe es einen blühenden Schwarzmarkt. Dabei merkten die Übeltäter, daß das so erreichte Glück minderwertig sei und versuchten diese Minderwertigkeit durch gesteigerte kriminelle Energie , durch immer mehr der begehrten Substanz, auszugleichen. In diesem Fall bleibe ihm leider keine andere Wahl, als die Delinquenten seinem dunklen Bruder zu überantworten. Während er das sagte deutete sein rechter Zeigefinger demonstrativ zum Boden. Anschließend den Zeigefinger vor meinem Gesicht in verneinender Geste hin und her schwenkend erklärte er nun in energischem Tone: „Für die Zuteilung des Glücks haben wir hier oben aus solchen Gründen das Monopol. Daher ist es an sich auch töricht und müßig nach dem Glück zu suchen.“ Auch das wüßten die Menschen eigentlich, und handelten wiederum so häufig dagegen. „Nicht ihr findet das Glück. Das Glück ist von uns stets so konstruiert, daß es Euch findet.“

Ehrfürchtig, betroffen und beeindruckt schwieg ich. Wir waren für einen Augenblick stehen geblieben.

Als wir schließlich langsam weitergingen, nahm ich allen Mut zusammen die Frage, die mich schon die ganze Zeit belastete endlich vorzubringen: „Was ist mit meinem Glück?“ „Ach Du meinst ...Deine... Traumfrau ?“ Er lächelte... etwas spöttisch wie mir schien. „Ja, gibt's die denn...“ „Klar doch! Nur sie ist gerade ... wie soll ich's sagen...anderweitig in Gebrauch.“

Oh, Gott....“ „Ja so ist das heutzutage: alle Welt, will nur noch Sonderanfertigungen.“ Mir erschien sein Ton wiederum etwas spöttisch. Mit der Hand strich er beiläufig, während er mit mir sprach, über die sorgfältig eingestapelten Tetrapacks. „So was dauert leider lange.“ „Wie lange?!“Mittlerweile waren wir auf dem Rückweg bei den Kleiderständern angelangt. „ Unter Umständen ein ganzes Leben!“ entgegnete er augenzwinkernd, während er mir ein kariertes Sacko anhielt. Es traf mich wie ein Schlag, und Gott hat es mir wieder sofort angesehen. Er strich mir sanft mit seiner Rechten über das Haupt. „Aber es gibt doch keinen Grund deswegen unglücklich zu sein!“ tröstete er mich, präsentierte mir nochmal mit besitzumfassender Armbewegung „seinen Laden“ , kicherte dabei aber.

Nimm's mir nicht übel, daß ich dich ein wenig neckte. Aber es erheitert mich, daß Du, typisch Mensch, nichts von dem, was ich Dir sagte und gezeigt habe, verstanden hast.“ Und als offenbare er mir ein Geheimnis beugte er sich zu mir vor und flüsterte mir in mein linkes Ohr: „Auf sein Glück zu warten, mehr noch auf ein bestimmtes Glück zu warten , macht unglücklich. Das Glück will erkannt werden. Doch Erwartung hindert das Erkennen.“ Sprachs, und war mit einem Male verschwunden. Und wiewohl ich jetzt hier in diesem Laden allein mit allem Glück des Himmels und der Erde war, gelang es mir nirgends mein Glück zu erkennen , geschweige denn irgendetwas aus diesem Überangebot an mich zu nehmen und demütig kehrte ich nach Haus in meine Mansardenkammer zurück. Noch in voller Kleidung erschöpft mich aufs Bett fallen lassend schlief ich ein. Am nächsten Tag, noch zu früher Stunde wurde ich durch das Licht der einfallenden Morgensonne und durch das Lied einer Singdrossel vor meinem Fenster geweckt. Noch etwas schlaftrunken aufstehend und hinausschauend sah ich, daß der Kirschbaum im Garten meines Mietherrn in voller Blüte stand. Darunter weideten friedlich zwei braune Pferde auf der mit gelb leuchtendem Löwenzahn wie mit Sternen übersäten Wiese. Darüber ein unendlicher hellblauer Himmel. Mit einem Male war ich wach und vollkommen erfüllt von der sich mir darbietenden Schönheit. Und wie durch Zauber formten meine Lippen ganz unwillkürlich Laute zu Liedern und Poemen, wie ich sie noch nie und nirgends gehört hatte. In diesem Moment erkannte ich, daß Gott mich nicht ohne Geschenk aus seinem Laden entlassen hatte. Und ganz der Schelm als den er sich mir präsentiert hatte, war dieses Geschenk von ihm weit jenseits meiner eigenen Wünsche erschaffen. Doch nicht um alles Glück in seinem Laden, hätte ich dieses Geschenk getauscht. Weil ich erkannte..... weil ich nun wußte, daß dies... mein... Glück war , und daß ich es schon bei ihm in den Händen gehalten hatte ohne es zu erkennen: seine Lieblingskiste, die mit den roséfarbenen irrisierenden Lettern.

 

Aktuelles

www.uwes-lyricon.de

Sie sind hier auf der Lyrikhomepage von Uwe Keilpflug.

Druckversion | Sitemap
© Uwe Keilpflug